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Die typischen Vorurteile und Mythen über die Behandlung von Bandscheibenvorfällen

Im Folgenden werden wir versuchen die typischen Vorurteile und Mythen, mit denen wir täglich konfrontiert werden mit den Ergebnissen von wissenschaftlichen Studien näher zu beleuchten. Es handelt sich hierbei um Fakten und nicht um unsere persönliche Meinung.

  1. „Wenn ich mich operieren lasse, wird es noch schlimmer!”
    Im Gegenteil zeigen Ergebnisse aus unabhängigen Studien, dass die operierten Patienten sowohl im Kurzzeitverlauf als auch im Langzeitverlauf zufriedener sind als die Patienten die sich einer konservativen Therapie unterzogen haben. Zusätzlich sind die operierten Patienten schneller beschwerdefrei und auch wieder schneller in den Alltag und in das Berufsleben integriert.

    Wissenschaftliche Studien zu diesen Feststellungen:

    • Long-term outcomes of surgical and nonsurgical management of sciatica secondary to a lumbar disc herniation: 10 year results from the maine lumbar spine study. Atlas SJ, Keller RB, Wu YA, Deyo RA, Singer DE. Spine (Phila Pa 1976). 2005 Apr 15;30(8):927-35.
    • Operative Eingriffe an der lumbalen Wirbelsäule bei bandscheibenbedingten Rücken- und Beinschmerzen - eine Verfahrensbewertung Surgical treatment of lumbar spine for leg and back pain caused by the disc syndrome - a health technology assessment Lühmann D; Raspe H, Schriftenreihe HTA des DIMDI (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information – Institut im Geschäftsbereich des Bundesminsterium für gesundheit) VOL: 22 (1. Auflage) /2003
  2. „Die konservative Therapie ist in jedem Fall Besser! ”
    Zunächst ist es wichtig festzustellen, dass die konservative Therapie nicht den Bandscheibenvorfall, die Spinalkanalstenose oder die Zyste im Wirbelkanal behandelt.
    Es handelt sich bei der konservativen Therapie (egal in welcher Form) lediglich um eine Reduzierung der Schmerzen, d.h. also um eine Form der Schmerztherapie.Die Ursache der Schmerzen wird nicht therapiert!
    Bei einem Bandscheibenvorfall kann es ihm günstigsten Fall zu einer Schrumpfung des Bandscheibenvorfalles kommen, so dass der Druck auf die Nervenwurzel nachlässt. Dies macht die Natur jedoch ganz alleine, auch ohne jegliche Therapie. Näheres hierzu lesen Sie bitte unter dem Kapitel Therapie des Bandscheibenvorfalles an der HWS / LWS.
    Bei einer Spinalkanalstenose oder einer Zyste im Wirbelkanal kann eine spontane Heilung nicht erfolgen, so dass die konservative Therapie immer eine Form der Schmerztherapie bleibt und die Ursache nie behandelt wird.

    Zur konservativen Therapie werden zahlreiche Methoden gezählt, hier ein Auszug: Periradikuläre Therapie (=PRT) = „CT gesteuerte Spritze“, Osteopathie, Krankengymnastik, Manuelle Therapie, Chiropraktik, Schlingentisch, Rückenschule, Stationäre Reha, Schmerztherapie, Akupressur, Akupunktur, Ambulante Reha (EAP), Bettruhe, Bewegungsbad, Biofeedback, Cranio-sakrale Therapie, Dorn-Therapie, Entspannungsübungen nach Jacobsen, Ergometer, Fango, Feldenkrais, Flexi-Bar (Schwingstab), FPZ, Heisse Rolle, Hypnose, Infusionen, Kältetherapie, Kieser, Kinesiotaping, Korsett, Krankengymnastik an Geräten, Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage (PNF), Mc Kenzie, Medikamente, Myoreflextherapie, Neuraltherapie, Psychologische Schmerztherapie, Tens-Gerät, Traktion, Stufenlagerung, … Zur Effektivität der meisten der o.g. Therapieformen bei der Behandlung eines Bandscheibenvorfalles liegen keinerlei seriöse wissenschaftliche Daten über deren Nutzen vor, obwohl ein Großteil dieser Behandlungsformen schon seit sehr vielen Jahren existiert. Das heißt, es ist völlig unklar, ob diese Therapien überhaupt einen Nutzen haben.

    Seriöse wissenschaftliche Daten in Bezug auf die so genannte konservative Therapie bestehen für folgende Fragestellungen:

    • Bezüglich der Bettruhe wurde festgestellt, dass diese sicherlich nicht länger als 4 Tage sinnvoll ist, da bei längerer Bettruhe sogar eine Verschlechterung durch Bettruhe zu erwarten ist.
    • Bezüglich des Tragens eines lumbalen Stützkorsetts (Orthese) konnte in den Studien kein Nutzen zu Behandlung des Bandscheibenvorfalles festgestellt werden.
    • Die Kortisontherapie führt zu einer kurzzeitigen Verbesserung der Beschwerden (Schmerzen). Einen Einfluss auf den Bandscheibenvorfall selber hat die Kortisontherapie nicht.
    • Es konnte kein Benefit der Krankengymnastik für den Therapieerfolg bei Bandscheibenerkrankungen gefunden werden.
    • Die Therapie mit Nichtsteroidalen Antirheumatika (z.B. Diclofenac, Ibuprofen, etc.) führt zu keinem Therapieerfolg bei Bandscheibenerkrankungen.
      Die Schmerzen werden gelindert, einen Einfluss auf den Bandscheibenvorfall selber haben die Medikamente nicht.
    • Es konnte in der Studie keine klare Aussage bezüglich des Nutzens von Opioiden (z.B. Tramadol, Tilidin) bezüglich eines Therapieerfolges bei Bandscheiben-erkrankungen getroffen werden. Die Schmerzen werden gelindert, einen Einfluss auf den Bandscheibenvorfall selber haben die Medikamente nicht.
    • Es konnte keine klare Aussage bezüglich des Nutzens von Muskelrelaxantien (Muskelentspannende Medikamente) bezüglich eines Therapieerfolges bei Bandscheibenerkrankungen getroffen werden. Die begleitenden schmerzhaften Muskelverspannungen werden gelindert, einen Einfluss auf den Bandscheibenvorfall selber haben die Medikamente nicht.

    Wissenschaftliche Studien zu diesen Feststellungen:
    Hagen Kb, Cochrane review, 2000
    Deyo RA et al. N Engl J Med 315: 1064-70, 1986
    van Tulder MW, Cochrane review, 2000
    Hofferberth B, Arch Psych, 1982
    Hofstee DJ, J Neurosurg, 2002
    van Tulder MW, Cochrane review, 2000
    Rhee JM, JBJS, 2006

    Zusammenfassend lässt sich zur konservativen Therapie folgendes sagen:
    Die konservative Therapie behandelt nicht die Ursache der Beschwerden, ist jedoch in vielen Fällen anfangs sinnvoll um die Beschwerden zu lindern und somit einen Zeitgewinn zu erzielen. In dieser Zeit kann sich der Bandscheibenvorfall in vielen Fällen von alleine zurückbilden. Es sollte eine individuelle Therapie in Absprache mit dem Arzt erfolgen. Bei anderen Schmerzursachen als dem Bandscheibenvorfall bleibt die konservative Therapie immer eine Form der Schmerzbehandlung.

  3. „Wenn ich mich operieren lasse, dann lande ich im Rollstuhl!”
    Das Risiko, durch eine Operation rollstuhlpflichtig zu werden, ist als sehr gering einzuschätzen. An der Lendenwirbelsäule ist kein Rückenmark mehr vorhanden, so dass eine Rückenmarksschädigung im Rahmen einer Operation auch nicht möglich ist.
    Theoretisch ist eine Verletzung einzelner im Nervenkanal liegender Nervenfasern möglich. Im Falle einer Verletzung einzelner Nervenfasern würde eine Teillähmung in einem Bein die Folge sein. Dies kann sich dann sowohl in Form eines Taubheitsgefühles als auch in Form einer Schwäche einzelner Muskeln bemerkbar machen. Möglich sind auch Störungen der Blasen- und Mastdarmfunktion. Das Risiko einer solchen Nervenschädigung wird in den verschiedenen wissenschaftlichen Studien (56 Studien) mit einem Risiko zwischen 0,42 % und 1,45 % angegeben.
    Die Komplikation, nach einer solchen Operation im Rollstuhl zu sitzen, ist so selten, dass es in keiner der 56 Studien statistisch erfasst oder erwähnt wurde.

    Wissenschaftliche Studie die die 56 Studien zusammenfasst:
    Siehe unter Punkt 1

  4. „Bei einer Operation wird ein Stück der Bandscheibe entfernt, welches die Bandscheibe noch braucht. Es wird also durch die Operation ein Schaden gesetzt!”
    Das aus der Bandscheibe herausgerutschte Stück kann nicht wie von vielen vermutet wieder zurückrutschen. Auch durch Krankengymnastik, Chirotherapie oder ähnliche Maßnahmen ist dies nicht möglich. Wenn die Beschwerden sich im Verlauf von alleine bessern, so liegt dies daran, dass das rausgerutschte Stück der Bandscheibe langsam austrocknet und von Zellen, die im Rahmen des Entzündungsprozesses „vor Ort“ sind, abgebaut wird. Hierdurch hat der gedrückte Nerv wieder Platz und die Schmerzen lassen nach.
    Alle in der Zwischenzeit durchgeführten Maßnahmen (Schmerzmittel, Krankengymnastik, etc.) können dem Patienten diese Zeit des Wartens erleichtern indem sie die Beschwerden lindern. Ein Auflösen oder ein Zurückdrücken des Bandscheibenvorfalles ist von außen durch keine Methode möglich.
    Es gibt Bandscheibenvorfälle bei denen der gerade geschilderte Vorgang gut funktioniert und der Patient ohne Operation beschwerdefrei wird. Dies sind glücklicherweise die meisten Patienten.
    Einige Bandscheibenvorfälle schrumpfen jedoch nicht und die Beschwerden bleiben bestehen. Man kann davon ausgehen, dass der Bandscheibenvorfall nicht schrumpft, wenn die Beschwerden länger als 4 bis 6 Wochen anhalten. Dann kann eine Operation Hilfe bringen. Hierbei wird das sowieso für die Bandscheibe „verlorene“ Stück und ggf. ein Stück des inneren degenerierten Bandscheibenkernes entfernt und der Nerv befreit.
  5. „Wenn ich mich nicht operieren lasse, dann kann es nur besser werden aber nicht schlechter!”
    Leider sind grundsätzlich beide Szenarien denkbar. Wie bereits unter dem Kapitel „Der Bandscheibenvorfall“ beschrieben, heilen viele Vorfälle auch ohne Operation folgenlos aus. Demgegenüber stehen lebenslange chronische Nervenschmerzen verursacht durch einen nicht versorgten Bandscheibenvorfall. Genaue wissenschaftliche Angaben zur prozentualen Verteilung liegen nicht vor. Der Zeitfaktor spielt aber offensichtlich auch für die letztgenannte Gruppe eine wichtige Rolle. Patientenstudien zeigen, daß das operative Behandlungsergebnis schlechter wird, je später eine Operation durchgeführt wird. Nach 3 Monaten mit anhaltenden Schmerzen sprechen Experten bereits von einer Chronifizierung des Schmerzes.
    Liegen keine zwingenden Gründe für eine Operation vor, wie z.B. Lähmungserscheinungen oder Blasenstörungen, stehen Patient und behandelnder Arzt vor einem Entscheidungsdilemma: Eine frühe Entscheidung zur Operation bringt den Patienten um die Chance einer spontanen Heilung. Im Falle einer späten Entscheidung kann eine etwaige Nervenschädigung gegebenenfalls nicht mehr rückgängig gemacht werden.
    In dieser Situation ist eine pragmatische Lösung sinnvoll. Die Erfahrung zeigt, daß die Beurteilung des Behandlungsverlaufes die Entscheidung vereinfacht. Gibt es unter suffizienter Schmerztherapie (d.h. Analgetika mindestens WHO Stufe 2 und entsprechende Co-Analgetika) in Verbindung mit physikalischen Maßnahmen (KG oder analoge Behandlungen) keine Besserung der Schmerzen innerhalb von 4-6 Wochen ist eine Operation sinnvoll. Kommt es unter der konservativen Behandlung zu einer kontinuierlichen Verbesserung der Schmerzen, kann die Fortsetzung der Behandlung über diesen Zeitraum hinaus fortgesetzt werden. Sind die Schmerzen auch unter suffizienter Schmerztherapie für den Patienten nicht erträglich, kann die Operation zu jedem Zeitpunkt sinnvoll sein.
  6. „Ich kenne ganz viele Patienten / Freunde denen es nach einer Bandscheibenoperation schlecht geht. ”

    Viele unabhängige Studien haben gezeigt, dass es den operierten Patienten sowohl im Kurzzeitverlauf als auch im Langzeitverlauf besser geht als den Patienten, die sich einer konservativen Therapie unterzogen haben. Zusätzlich sind die operierten Patienten schneller beschwerdefrei und auch wieder schneller in den Alltag und in das Berufsleben integriert. Lesen Sie hierzu auch Punkt 1.

    Eine Unzufriedenheit mit dem Operationsergebnis entsteht meist dann, wenn die Patienten vor der Operation nicht ausreichend über das Krankheitsbild aufgeklärt wurden. Es handelt sich bei einem Bandscheibenvorfall nicht um eine plötzliche Schädigung der Bandscheibe. Die Bandscheibe ist im Rahmen von Abnutzungserscheinungen schon trocken und rissig geworden (Lesen Sie hierzu auch Der Bandscheibenvorfall – Allgemeines). Der Bandscheibenvorfall ist eine Folge dieses Prozesses. Bei der Operation wird das im Nervenkanal liegende Stück der Bandscheibe entfernt, so dass der Druck vom Nerven genommen wird. Der Beinschmerz lässt nach der Operation rasch nach. Was die Operation nicht leisten kann, ist die Bandscheibe wieder „gesund zu operieren“. Die Abnutzung der Bandscheibe ist vorhanden und schreitet im Verlauf noch fort. Dieser Prozess kann leider nicht gestoppt werden. Die zunehmende Abnutzung der Bandscheibe kann dann im Verlauf zu Rückenschmerzen führen. Diese Rückenschmerzen sind dann nicht Folge der Operation sondern vielmehr Folge der fortschreitenden Bandscheibenabnutzung.

    Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Operation den Patienten langfristig nicht vor Rückenschmerzen bewahren kann. Zum Glück entwickelt jedoch nur ein Teil der Patienten im Verlauf der Bandscheibenerkrankung dauerhaft Rückenschmerzen. Die Beinschmerzen haben in allen Studien bessere Ergebnisse nach der Operation als nach konservativer Therapie gezeigt.

    Wissenschaftliche Studien zu diesen Feststellungen:
    Siehe unter Punkt 1

  7. „Ich möchte mit der minimalinvasivsten Methode operiert werden. Denn je weniger invasiv der Eingriff, desto besser das Ergebnis!”
    Der mikrochirurgische Eingriff, d.h. eine Operation über einen kleinen Hautschnitt, durchgeführt über das Mikroskop in Schlüssellochtechnik, ist sicherlich aktuell der Goldstandard. Alle anderen Methoden müssen sich an ihm messen. Bisher konnte noch in keiner Studie gezeigt werden, dass Methoden, bei denen „nur eine Nadel eingeführt wird“ auch nur annähernd gleichgute Ergebnisse bringen.

    Wissenschaftliche Studien zu diesen Feststellungen:
    Siehe unter Punkt 1

  8. „Nach einer Bandscheibenoperation entsteht eine Narbe, die dann auch wieder auf die Nerven drückt und Schmerzen verursacht!”

    Wenn im Verlauf nach der Operation (Kurzzeitverlauf oder Langzeitverlauf) weiter Beschwerden bestehen oder wieder Beschwerden auftreten, so hat dies nichts mit der Narbe zu tun. Die Ergebnisse mehrerer Studien sprechen dagegen.
    Bei jedem operierten Patienten entsteht eine Narbe. Dies ist ein normaler Vorgang und Teil der Heilung. In 70% der Fälle ist diese Narbe in der Kernspintomografie sichtbar. 84 % aller operierten Patienten sind jedoch komplett beschwerdenfrei. Auch diese Patienten haben eine Narbe unterschiedlicher Grüße und Ausdehnung, sind aber trotzdem schmerzfrei. Weitere Hinweise ergeben sich aus Medikamenten Studien, die die Entstehung von Narbengewebe verhindern sollen. In der Tat gelingt es, dass durch die Verwendung dieser Medikamente in der Bildgebung (Kernspintomografie) weniger Narbengewebe nachweisbar ist. Eine weitere Verbesserung des Operationsergebnisses (d.h. mehr beschwerdefreie Patienten) ist dadurch jedoch nicht zu erzielen. Schließlich gab es Versuche in der Vergangenheit, die Narbe zu behandeln. Alle Versuche hatten bislang eher zu einer Verschlechterung der Beschwerden geführt. Zusammengefasst ist die Narbe als Erklärung für die Beschwerden für alle Beteiligten (Patienten und Ärzte) ein plausibles Modell, scheint jedoch anhand der bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen falsch zu sein.

    Angst vor der Narbenbildung braucht niemand zu haben. Bei Patienten, die im Verlauf nach einer Bandscheibenoperation Schmerzen entwickeln, liegt eine andere Ursache für die Schmerzen vor.

    Wissenschaftliche Studie zu diesen Feststellungen:
    Ross JS et al, Neurosurgery 38: 855-63, 1996
    Cooper PR, Neurosurgery 38: 861, 1996
    Sonntag VKH, Neurosurgery 38: 862, 1996